„Müssen wir damit wirklich zum Spezialisten?” – diese Frage stellen sich viele Eltern. Dieser Leitfaden hilft Ihnen einzuschätzen, wann ein Termin in der Kinderorthopädie tatsächlich sinnvoll ist – und wann Sie entspannt abwarten können.
Die kurze Antwort vorweg
Bei Unsicherheit ist ein Termin immer richtig. Ich nehme mir Zeit, untersuche gründlich, und kann in vielen Fällen nach der Untersuchung auch beruhigen – das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. „Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig” ist kein Klischee, sondern ein guter Grundsatz: viele kinderorthopädische Erkrankungen lassen sich nur durch frühe Erkennung gut behandeln.
Bei diesen Anzeichen sollten Sie kommen
Sichtbare Auffälligkeiten
- Schiefe Schultern, asymmetrische Taille oder ein Rippenbuckel beim Vorbeugen
- Beinachsen, die auffällig sind oder nicht zum Alter passen (X-Beine bei einem Einjährigen, ausgeprägte O-Beine )
- Einseitige Fehlstellungen – wenn nur ein Bein, ein Fuß oder eine Schulter betroffen ist
- Ein verkürztes Bein oder ein Beckenschiefstand
- Plötzlich auftretende Veränderungen, die vorher nicht da waren
Schmerzen oder Bewegungsauffälligkeiten
- Hinken, das länger als ein paar Tage anhält
- Schmerzen am Bewegungsapparat, die immer wieder auftreten
- Schmerzen, die nur einseitig vorkommen
- Beinschmerzen, die das Kind beim Sport oder Spielen einschränken
- Knieschmerzen bei Kindern – diese strahlen häufig von der Hüfte aus
- Eingeschränkte Beweglichkeit eines Gelenks
Nach einer Verletzung
- Starke Schwellung oder Bluterguss nach einem Sturz
- Wenn das Kind nicht auftreten oder das Gelenk bewegen kann
- Sichtbare Fehlstellung
- Beschwerden, die nach zwei bis drei Tagen nicht deutlich besser werden
Wann ist es typischerweise nicht dringend?
Vieles, was Eltern zunächst beunruhigt, ist normale Entwicklung:
- Knick-Senkfüße im Kleinkindalter – fast alle Kinder haben sie, sie verwachsen sich von selbst
- Leichte O-Beine im ersten Lebensjahr und X-Beine zwischen 3 und 6 Jahren – das ist physiologisch
- Wachstumsschmerzen abends/nachts in beiden Beinen, am Morgen weg – meist harmlos
- Innendrehgang (“nach innen laufen”) von Laufbeginn bis zu den ersten Schuljahren – verwächst sich bei den meisten
Trotzdem gilt: bei Unsicherheit lieber einmal zu viel kommen.
Empfohlene Termine nach Alter
Säugling (bis 12 Monate)
- U3-Hüftultraschall in der 4.-5. Lebenswoche – empfohlene Vorsorgeuntersuchung, entweder beim Kinderarzt oder Orthopäden
- Bei familiärer Vorbelastung für Hüftdysplasie, Beckenendlage oder Mehrlingsschwangerschaft: zusätzlicher Hüftultraschall in den ersten 1-2 Lebenswochen
- Bei Klumpfuß oder anderen sichtbaren Fehlbildungen: möglichst direkt nach der Geburt
Kleinkind (1-5 Jahre)
- Wenn der Gang oder die Beinachse Sorgen bereitet
- Bei einseitigen oder ausgeprägten Fehlstellungen
- Wenn das Kind hinkt oder humpelt
- Wenn die Eltern oder der Kinderarzt unsicher sind
Schulkind (6-12 Jahre)
- Beim Verdacht auf eine Skoliose (Vorbeugetest)
- Bei wiederholten Beinschmerzen
- Bei Fußproblemen oder Beschwerden beim Sport
- Bei Hüftschmerzen oder Hinken
Jugendliche (ab 12 Jahren)
- Während der Pubertät: einmalig auf Skoliose prüfen lassen
- Bei Sportverletzungen oder Überlastungsbeschwerden
- Bei wiederkehrenden Knie- oder Rückenschmerzen
- Bei Wachstumsschmerzen, die ungewöhnlich verlaufen
Brauche ich eine Überweisung?
Für privatversicherte Patientinnen und Patienten ist in der Regel keine Überweisung nötig. Auch Selbstzahler können direkt einen Termin vereinbaren. Eine Überweisung Ihres Kinderarztes kann trotzdem hilfreich sein, weil sie mir wichtige Informationen über bisherige Untersuchungen mitliefert.
Was, wenn ich mir nicht sicher bin?
Vereinbaren Sie einfach einen Termin. Ein Beratungsgespräch mit Untersuchung schadet nie – und in vielen Fällen kann ich Ihnen direkt sagen, dass alles in Ordnung ist. Diese Beruhigung ist genauso wertvoll wie eine konkrete Therapieempfehlung.